Regenfahrt
Es ist oft so: Man kommt von einer sonnigen Tagestour zurück. Die Straßen sind trocken, die Kurven machen Spaß und der Fahrtwind fühlt sich angenehm an.
Dann schaut man in die Richtung, in die man fahren muss, und dort am Horizont hat es sich zugezogen. Dunkle Wolken bilden sich schnell. Sie werden größer, dichter und türmen sich schließlich zu einer schwarzen Wand auf.
Der Wind frischt auf, die Sonne ist hinter der Wolkenwand verschwunden und es wird merklich kühler.
Noch etliche Kilometer liegen vor einem, und man zieht gedanklich den Kopf ein und denkt nur noch:
„Oje. Das erwischt uns.“
Manch einer mag jetzt sagen: „Warum ist Regen so schlimm? Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung.“
Aber so einfach ist es eben nicht. Ja, Regen gehört zum Motorradfahren dazu.
Aber mit dem Regen verändert sich die Straße.

Was man auf der trockenen Straße vielleicht nur unangenehm oder störend fand – Reparaturstellen, Bitumenstreifen oder Querrillen auf Landstraßen und Autobahnen, in Ortschaften Gullideckel, Fahrbahnmarkierungen, Straßenbahnschienen oder die berühmten Ölflecken im Haltestreifen vor Ampeln – wird bei Regen schnell zur Herausforderung.
Und das ist noch lange nicht die Einzige.
🎥10 Fehler im Regen, die fast jeder Motorradfahrer macht
„Aller Segen kommt von oben“
stimmt eben nur für die Landwirtschaft und den heimischen Garten.
Auf dem Motorrad nimmt der Regen einem gleich mehrfach die Sicht. Das Visier ist ständig voller Tropfen. Der einzige Scheibenwischer, der zur Verfügung steht, ist meist der linke Zeigefinger oder der Handschuh. Die Gischt vorausfahrender Fahrzeuge vernebelt zusätzlich den Blick, und das Wasser auf der Fahrbahn macht das Lesen der Strecke deutlich schwieriger.
Man weiß nicht mehr genau, wie tief eine vollgelaufene Spurrille tatsächlich ist, ob darunter eine Kante lauert oder ob der Reifen dort überhaupt noch genügend Grip findet.
Einen kurzen Schauer kann man oft aussitzen. Man stellt sich unter, trinkt einen Kaffee und wartet ab.
Kehrt man aber beispielsweise vom Urlaub zurück und hat vom Brenner noch 400 Kilometer bis nach Hause vor sich, dann hilft alles nichts:
Dann muss man durch
Der Regen prasselt erbarmungslos auf den Helm, läuft daran herunter und sucht sich seinen Weg ins Innere. Komischerweise findet sich immer eine Stelle, an der Wasser eindringen kann: am Hals zwischen Helm und Kragen, an den Handschuhen oder irgendwann in den Schuhen.
Auf der Autobahn wird jeder LKW, den man überholt, zur kostenlosen Volldusche. Jeder PKW, der mit höherer Geschwindigkeit vorbeifährt, spendiert noch einen zusätzlichen Schwall Wasser.
Mit der Zeit kühlt man langsam aus. Die Finger werden kalt. Die Muskeln verspannen sich. Die Konzentration sinkt. Überholmanöver werden anspruchsvoller und man fährt sprichwörtlich wie auf rohen Eiern.
🎥 Motorrad-Fahrtechnik: Fahren im Regen | Vom Wolf erklärt
Gerade dann hilft es, sich auf die wichtigsten Dinge zu konzentrieren:
- Wenn es nach einer längeren Trockenphase anfängt zu regnen, verbindet sich die Nässe mit Straßenschmutz und Öl. Die Straße wird dann extrem rutschig, bis der Regen den Schmutz weggespült hat.
- So weit voraus schauen, wie es die Sicht zulässt.
- Geschwindigkeit verringern
- Sicherheitsabstand vergrößern
- Versetzt fahren, um Aquaplaning zu vermeiden
- Alle Brems- und Lenkmanöver möglichst ruhig und gleichmäßig ausführen.
- Auf den Landstraßen darauf achten, dass die Bremsphase vor der Kurve abgeschlossen ist
- Immer davon ausgehen, dass andere Verkehrsteilnehmer das Motorrad übersehen könnten – auch mit LED-Licht oder Zusatzscheinwerfern.
- Hektische Bewegungen vermeiden.
- Einen höheren Gang wählen um das Drehmoment zu reduzieren
- Die Fahrbahn aufmerksam lesen und jederzeit mit Überraschungen rechnen.
Öfter eine Erholungspause von mindestens 15 Minuten einlegen
Warum das denn, man will doch heim. Dabei sollte man gerade bei längeren Regenfahrten häufiger Pausen einlegen als bei trockenem Wetter. Spätestens alle ein bis anderthalb Stunden lohnt es sich, für 15 Minuten anzuhalten, sich zu bewegen und etwas Warmes zu trinken. Denn Oft merkt man erst beim Absteigen, wie angespannt man eigentlich gefahren ist. Die Schultern sind hochgezogen, die Hände verkrampft und die Füße fühlen sich an wie Eiswürfel.
Eine kurze Pause wirkt manchmal Wunder. Danach fährt man entspannter, konzentrierter und vor allem sicherer weiter.

Kurz unter die Brücke?
Lieber nicht.
Wer bei einem Wolkenbruch auf der Autobahn unterwegs ist, kennt den Gedanken: „Ich stelle mich einfach unter die nächste Brücke und warte ab.“
So verständlich dieser Gedanke auch ist – auf Autobahnen ist das keine gute Idee.
Zum einen ist das Halten auf dem Standstreifen grundsätzlich verboten. Der Standstreifen ist für Pannenfahrzeuge sowie Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste vorgesehen.
Zum anderen ist es gerade bei starkem Regen besonders gefährlich. Die Sicht ist für alle Verkehrsteilnehmer eingeschränkt. Wer unter einer Brücke auf dem Standstreifen steht, wird möglicherweise erst sehr spät erkannt.
Gerade Motorradfahrer sind dort besonders gefährdet, von Fahrzeugen erfasst zu werden, die von ihrer Spur abkommen oder den Standstreifen nutzen müssen.
Deshalb gilt: die nächste Ausfahrt, Raststätte oder einen Parkplatz ansteuern.
Ein kurzer Regenschauer vergeht oft schneller, als man denkt. Die eigene Sicherheit sollte aber immer Vorrang haben.
Was hilft nun wirklich bei Regen?
Auch wenn Regenfahrten nie zu den Lieblingsbeschäftigungen der meisten Motorradfahrer gehören werden – ein paar Dinge machen das Leben deutlich leichter.
Pinlock oder beschlagfreies Visier**
Wer einmal mit beschlagenem Visier im Regen unterwegs war, weiß warum viele Motorradfahrer auf ein Pinlock schwören. Gerade bei feuchter Witterung verhindert es, dass das Visier von innen beschlägt und man plötzlich nur noch Milchglas vor den Augen hat.
Visierwischer am Handschuh
Viele Motorradhandschuhe besitzen am linken Zeigefinger oder Daumen eine kleine Gummilippe. Sie wirkt unscheinbar, ist bei Regen aber Gold wert. Ein kurzer Wisch über das Visier und man sieht wieder deutlich mehr von der Straße.
Sichtbar bleiben
Bei Regen wird man schlechter gesehen. Helle oder reflektierende Regenbekleidung kann dabei helfen, von anderen Verkehrsteilnehmern früher wahrgenommen zu werden. Gerade bei schlechter Sicht ist das ein echter Sicherheitsgewinn.
Trocken bleiben
Eine gute Regenkombi hält nicht nur trocken, sondern verhindert auch das Auskühlen durch den Fahrtwind. Wer mehrere Stunden im Regen unterwegs ist, merkt schnell: Nässe ist unangenehm, Kälte macht müde und unkonzentriert.
Auf die Reifen achten
Bei Nässe müssen die Reifen das Wasser verdrängen. Ausreichendes Profil und ein guter Zustand der Reifen sind deshalb besonders wichtig. Was bei trockenem Wetter noch akzeptabel erscheint, kann bei Regen schnell zum Problem werden.
Und ganz wichtig: Nicht den Helden spielen
Wenn die Sicht immer schlechter wird, das Wasser auf der Fahrbahn steht oder man nur noch im Blindflug unterwegs ist, dann ist eine Pause oft die beste Entscheidung. Ein Café, eine Raststätte oder ein trockener Unterstand sind in solchen Momenten keine Niederlage, sondern gesunder Menschenverstand.
